Zur Trennung von Lumas und Stefanie Schneider
29. Oktober 2009
Die Verbindung schien für die Ewigkeit gemacht, der Erfolg der einen schicksalhaft gebunden an den der Anderen. Doch seit September ist Schluss. Die „Editionsgalerie“ Lumas und ihr Zugpferd, die Fotografin, Stefanie Schneider, haben sich getrennt. Und zwar – wie das bei langjährigen Beziehungen häufig der Fall ist – nicht im Frieden. Schneider, deren traumartige Inszenierungen auf überalterten Polaroids eine surreale Bildsprache mit hohem Wiedererkennungswert entwickeln, hatte zu Beginn des Jahrzehnts mit dem Start der selbsternannten Editionsgalerie Lumas Bekanntheit erlangt und war schnell zu deren Aushängeschild geworden. Als eine der wenigen Künstlerinnen des Unternehmens hatte sie bei Beginn der Zusammenarbeit bereits ein eigenes Standing in der Kunstszene und im Kunstmarkt, der die Kollaboration wiederum stark kritisierte, da das Geschäftsmodell den Kern des Geschäftsmodells der klassischen Fotoedition bedroht. Mit relativ hohen Auflagen von zunächst 100, später 150 selbst für große Formate eroberte Lumas einen relativ breiten Kundenkreis. Galerien und Fotokünstler sahen dadurch ihr Vermarktungsprinzip gefährdet, das von einer künstlichen Verknappung des Angebots lebt.
Jetzt trennen sich beider Wege wieder, weil Schneider wohl doch größeren Wert auf eine Karriere in der klassischen Kunstszene legt als auf ihre Präsenz im Einrichtungsbereich. Sie erklärt: „Die Trennung von LUMAS hatte inhaltlich-konzeptionelle Gründe, war aber auch Folge einer Zerrüttung des Vertrauensverhältnisses.“ In den vergangenen Jahren habe „sich das Portfolio von LUMAS in eine Richtung entwickelt, die für mich nicht vorhersehbar war, die ich aber auch nicht akzeptieren konnte. Ausserdem war die Entwicklung von Whitewall für mich die letzte Offensichtlichkeit, dass es Lumas nur um Geld geht und nicht um die ernsthafte Entwicklung von Künstlern und deren Etablierung im Kunstmarkt.“
Whitewall ist eine Online-Plattform, über die Hobbyfotografen ihre eigenen Bilder in dem gleichen Verfahren entwickeln und kaschieren lassen können, das Lumas auch für seine eigenen Editionen verwendet. Das Unternehmen gehört ebenso der Avenso AG von Marc Ullrich und Stefanie Harig wie Lumas. In diesem Zusammenhang hat es dann schon ein wenig Hautgout, dass Whitewall für seine Dienste mit dem Slogan „Das Labor, dem selbst LUMAS vertraut“ wirbt.
Doch bei Lumas ist man um blumige Formulierungen nicht verlegen, die in ihrer Verdrehtheit manchmal sogar etwas Scholastisches an sich haben. Die Trennung von Schneider etwa begründet man in Beantwortung einer Anfrage des artnet Magazins so: „Im Interesse von LUMAS und unseren Käufern von Werken von Stefanie Schneider haben wir uns entschieden, ihre Editionen per 30.9. nicht mehr aktiv anzubieten. Mit diesem Schritt wollen wir die Exklusivität des Angebots waren.“ Die Massenverbreiter machen sich ausgerechnet das Argument der Verknappung zu eigen. Vorhandene Exponate könnten in den Galerien allerdings zunächst weiterhin erworben werden. Ansonsten scheint schlicht die Marktsättigung erreicht zu sein: „Wir schätzen das Werk von ihr nach wie vor sehr. Gleichzeitig sind wir aber der Meinung, im Editionsmarkt in den letzten 5 Jahren mit sehr guten Verkäufen eine für uns durchaus hinreichende Verbreitung erreicht zu haben.“
Allerdings scheint es irgendwie auch um Geld zu gehen. Zumindest fechten beide Parteien derzeit einen Strauß um Lizenzfragen auf juristischem Wege aus. Während das bei Lumas noch ganz einvernehmlich klingt: „Nach unserem Verständnis läuft die Vereinbarung am 31.3.2010 aus. Die Anwälte beider Seiten sprechen dieser Tage über eine vorzeitige formale Beendigung der Zusammenarbeit, hierzu ist aber noch nichts entschieden.“, schwingt bei der Künstlerin ein wenig Verbitterung mit: „Zugleich hat LUMAS die im Rahmen des Lizenzvertrages von mir eingeräumten Nebenrechte derart frei interpretiert, dass ich mich in meiner künstlerischen Integrität bedroht sah. So musste ich beispielsweise vor Kurzem feststellen, dass meine Werke für die Bewerbung von Wandfarbe in Baumärkten verwendet wurden, ohne dass ich davon wusste. Nach Auskunft der Farbenfirma hat LUMAS hier Rechte vergeben, die ihnen gar nicht zustanden. Das halte ich für skandalös. [...] Überdies haben sie sich vor dem Kölner Landgericht verpflichtet, das im September letzten Jahres erschienene Buch ,Collecting Fine Art. Photography Vol. I, Highlights of the Lumas Portfolio‘ vom Markt zu nehmen. Die Abbildung meiner Werke in diesem Bildband war nicht von dem nun beendeten Vertrag gedeckt. Leider wurde ich von Lumas gezwungen, gerichtlich vorzugehen, um meine Rechtsposition zu sichern.“
Bei Lumas hat man einen anderen Blick auf die Dinge: „Wir hatten Gruner + Jahr für eine redaktionelle Berichterstattung Bilder – auch von Stefanie Schneider – ausgeliehen. G+J hat hiermit Räume ausgestattet, die dann für „schöner wohnen“ fotografiert wurden. Künstler und LUMAS als Bezugsquelle wurden genannt. Dies ist seit 5 Jahren ein üblicher Bestandteil unserer Zusammenarbeit mit der Presse. Wie auch wir jetzt sehr überrascht feststellen mussten, hat G+J diese Aufnahmen zu Teilen über Picture Press, eine hauseigene Bildagentur, angeboten. Dieses Vorgehen war von uns nicht autorisiert und wurde gestoppt. Außer der Abbildung eines Raumes in einem Prospekt von Brillux ist uns aber auch kein Fall bekannt“, erklärt Lumas-Sprecher Jan Seewald auf schriftliche Anfrage des artnet Magazins. Auf die Frage, was die Trennung für die programmatische Ausrichtung bedeute, erklärt er: „Stefanie Schneider war schon länger nicht mehr eine tragende Kraft unseres Portfolios. Aus diesem Grund hat es keine spürbaren Auswirkungen auf den Rest des Portfolios. Seit fünf Jahren haben wir unser Portfolio ständig erweitert und erneuert. Künstler wie Thomas Florschuetz oder Annelies Strba, aber auch grafische Werke von GRAFT oder Wolfgang Joop belegen unsere Brandbreite sehr gut.“
Für Schneider dürfte Lumas jedenfalls nicht mehr allzu viel zu
bieten haben. Noch einige Tausend weitere Abzüge über Designer-Sofas
dürften ihren Bekanntheitsgrad nicht mehr positiv beeinflussen können.
Außer Geld ist bei Lumas für sie also nichts zu holen. Und Lumas zahlt
seinen Fotografen bekanntlich einen wesentlich niedrigeren Anteil am
Umsatz als klassische Galerien. Schneider ist daher zur New Yorker Galerie Bruce Silverstein gewechselt, einer der Großen der Branche, die neben Zeitgenosssen die Nachlässe von Robert Doisneau, André Kertész und Brett Weston vertritt. Ungewöhnlicher ist die neue Zusammenarbeit mit Effigies
in Paris. Das ist keine Galerie, sondern eine Agentur, die nicht nur
Bildende Künstler vertritt, sondern vor allem Schauspieler wie Jane
Birkin, Charlotte Gainsburg und Alexandra Maria Lara oder die
Modemacherin Ghadah al Rashid. „Meine neue Agentur in Paris agiert
sowohl als Agentin als auch Produzentin“, erklärt Schneider. Effigies
ist eine völlig neuartige Art der Agentur. Die Inhaberin Fabienne Martin
bringt Künstler zusammen und unterstützt die Projekte ihrer Künstler.
Sie ist quasi das 'missing link' zwischen Künstler und Museen,
Sammlern, Galerien, Produzenten, Werbeagenturen etc. Wir arbeiten zum
Beispiel jetzt gerade an dem Projekt 29 Palms und an Platzierungen in Museen, Finanzierungen und der Involvierung von verschiedenen Schauspielern.“
Das klingt tatsächlich nach einer Zusammenarbeit, die weit jenseits der
Möglichkeiten und Absichten von Lumas liegt. Das Geschäft von Effigies
ist wiederum jenseits des traditionellen Kunstmarktes angesiedelt, aber
nicht in offener Opposition zu ihm. Die Künstlerin hofft, dass Lumas
„bald komplett hinter mir liegt und mein Werk, ohne nur bunt und grell
zu sein, endlich wirklich über die Grenze von Lumas hinaus entdeckt und
verstanden wird.“ Die Möglichkeit, das zu entdecken, bietet sich in
Berlin am 10. Dezember, wenn ihr Film „till death do us part“ im
Babylon Premiere hat.
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